Wisenschaftliche Artikel zur Polyvagaltheorie

Zusammenhänge zwischen akustischen Merkmalen der mütterlichen Stimme und der Emotionsregulation von Säuglingen nach einem sozialen Stressor

Jacek Kolacz | Elizabeth B. daSilva | Gregory F. Lewis |
Bennett I. Bertenthal | Stephen W. Porges.  Juli 2021
(der vollständige Originalartikel auf engl.)

ABSTRACT: Stimmen von Bezugspersonen können Signale enthalten, die Kinder mobilisieren oder beruhigen. Diese Studie untersucht, ob durch mütterliche Prosodie Änderungen im natürlichen Verhalten von Kleinkindern vorhersagbar ist, nachdem sie einem Stressor ausgesetzt waren - einem „still-face“-Experiment - bei dem sich die Mutter zurückzieht und dann die soziale Interaktion wiederherstellt.
 

49 Zweiergruppen nahmen an der Studie teil (Kinder im Alter von 4-8 Monaten mit ihrer Bezugsperson). Herzfrequenz und respiratorische Sinusarrhythmie (gemessen anhand des kardialen Vagustonus) der Kinder wurden von einem Elektrokardiogramm (EKG) abgeleitet.

Verhaltensauffälligkeiten der Kinder wurden anhand negativer Vokalisation, Gesichtsausdruck und Blickvermeidung gemessen.

Mütterliche Vokalisation wurde durch eine Kombination von Spektralanalyse und spectro-temporal Modulation gemessen, dabei wurde eine zweidimensionale schnelle Fourier-Transformation des Audio-Spektrogramms benutzt.
 

Hohe Werte mütterlicher Prosodie wurde mit Verringerung der kindlichen Herzfrequenz (β = −.26,95% CI: [−0.46, −0.05]), Verhaltensauffälligkeiten (β =  −.23,95% CI:[−0.42, −0.03]) und Steigerung des kardialen Vagustonus bei Kindern, dessen Vagustonus niedrig war, während sie dem Stressor ausgesetzt waren (1 Standardabweichung unter dem Mittelwert β = .39,95% CI: [0.06, 0.73]), in Verbindung gebracht. Hohe kindliche Herzfrequenz sagte die Abnahme des Anteils mütterlicher Prosodie voraus (β = .18,95% CI: [0.03, 0.33]). 


Diese Ergebnisse lassen auf spezifische akustische Merkmale der Sprache schließen, die für die Regelung kindlichen Verhaltens relevant sind und zeigen die bidirektionale Dynamik zwischen Mutter und Kind.

Sich in einer verteidiungsbereiten Welt orientieren: Säugetiermodifikationen unseres evolutionären Erbes. Eine Polyvagal-Theorie

Stephen W. Porges stellt erstmals die Polyvagal-Theorie vor. 1995 


Abteilung für Menschliche Entwicklung, Universität von Maryland, College Park, USA (der vollständige Originalartikel auf engl.)

ABSTRACT: Der Vagus, der 10. Hirnnerv, enthält Nervenbahnen, die zur Regulierung der inneren viszeralen Organe, einschließlich des Herzens, beitragen. Die efferenten Vagusfasern haben nicht denselben Ursprung im Hirnstamm. Die Polyvagal-Theorie wurde vorgestellt, um die unterschiedlichen Funktionen der beiden primären medullären Ursprungskerne des Vagus zu erklären: der Nucleus ambiguus (NA) und der dorsale motorische Nucleus (DMNX). Obwohl Nervenbahnen des Vagus aus beiden Kernen am sinoatrialen Knoten enden, wird argumentiert, dass die im NA entspringenden Fasern eindeutig für die respiratorische Sinusarrhythmie (RSA) verantwortlich sind. Abweichende Veränderungen der RSA und Herzfrequenz werden durch unabhängige Prozesse des DMNX und NA erklärt. Die Theorie 
betont eine phylogenetische Perspektive und vermutet, dass die Organisation des Hirnstamms bei Säugetieren, nicht aber bei Reptilien, durch einen ventralen vagalen Vaguskomplex 
(einschließlich NA) gekennzeichnet ist. Dieser Komplex wird mit Prozessen in Zusammenhang gebracht, die Aufmerksamkeit, Bewegung, Emotion und Kommunikation betreffen. Verschiedene klinische Störungen, wie der plötzliche Kindstod und Asthma, 
könnten mit der Konkurrenz zwischen DMNX und NA zusammenhängen.

LIEBE: EIN PHÄNOMEN DES AUTONOMEN NERVENSYSTEMS VON 
SÄUGETIEREN

Stephen W. Porges, Institut für Kinderstudien, Universität von Maryland, College Park, MD 20742-1131, USA
(der vollständigen Originalartikel auf engl.)

ABSTRACT: Die Entwicklung des autonomen Nervensystems beinhaltet ein Ordnungsprinzip, um die 
adaptive Relevanz affektiver Prozesse bei Säugetieren zu interpretieren; darunter Partnerumwerbung, sexuellen Erregung, Paarung und Aufbau dauerhafter sozialer Bindungen. Nach der Polyvagal-Theorie (Porges, 1995, 1996, 1997) durchläuft der gut 
dokumentierte phylogenetische Wandel in der neuronalen Regulierung des autonomen Nervensystems drei Stufen, die jeweils mit einer Verhaltensstrategie verbunden sind. Die erste Stufe ist durch einen primitiven, unmyelinisierten viszeralen Vagus
gekennzeichnet, der die Verdauung fördert und auf Bedrohungen mit einer Drosselung der Stoffwechselaktivität reagiert. Verhaltensbezogen ist die erste Stufe mit Immobilisierungsverhalten verbunden. Das zweite Stadium ist durch das sympathische Nervensystem gekennzeichnet, das in der Lage ist, die Stoffwechselaktivität zu erhöhen und den viszeralen Vagus zu hemmen, um das Mobilisierungsverhalten zu fördern, das für "Kampf oder Flucht" erforderlich ist. Das dritte Stadium, das nur bei Säugetieren vorkommt, ist durch einen myelinisierten Vagus 
gekennzeichnet, der die Herzleistung kurzfristig regulieren kann, um sowohl die Interaktion als auch den Rückzug aus der Umwelt zu fördern. Der Vagus der Säugetiere ist neuroanatomisch mit den Hirnnerven verbunden, die soziale Interaktion durch Mimik und Vokalisierung regulieren. Die Polyvagal-Theorie liefert neurobiologische Erklärungen für zwei Dimensionen der Intimität: Partnerumwerbung und den Aufbau dauerhafter Paarbeziehungen. Die Umwerbung hängt von der Strategie der sozialen Interaktion ab, die mit dem Vagus verbunden sind. Der Aufbau dauerhafter Paarbindungen hängt von der Umstellung des viszeralen Vagus ab, von einem Immobilisierungssystem, das mit Angst und Vermeidung assoziiert wird, auf ein Immobilisierungssystem, das mit Sicherheit und Vertrauen assoziiert wird. Die Theorie sagt aus, dass die
phylogenetische Entwicklung des Vagus bei Säugetieren mit einer spezialisierten Kommunikation einhergeht, zwischen dem 
Hypothalamus und dem Ursprungskern des viszeralen Vagus in der Medulla. Vermittelt wird die Kommunikation durch Oxytocin und Vasopressin, die die sexuelle Erregung, Paarung und die Entwicklung dauerhafter Paarbindungen erleichtert.

Das Konsortium zur Erforschung traumatischer Belastungen am Kinsey-Institut, Universität Indiana

Auszug aus dem Newsletter 2020; (der vollständige Originalnewsletter auf engl.)

Das Konsortium in Zahlen
Das Konsortium registrierte sein erstes Mitglied am 1. Februar 2018. Seit der Gründung ist die Anzahl der Mitglieder auf 422 Trauma-forscher gestiegen und wächst täglich weiter.
Zwei Drittel der Mitglieder befinden sich in den USA, ein Drittel verteilt sich auf mehr als 20 Länder. Die Karte unten (siehe Original-Artikel) zeigt die Standorte der Mitglieder der Vereinigung auf der ganzen
Welt.

Vorläufige Ergebnisse der klinischen Studie - Überblick
Die klinische Studie des Konsortiums ist zusammen mit der Klientenstudie, die in den kommenden Monaten abgeschlossen werden soll, einer von drei Forschungszweigen, die darauf abzielen, ein besseres Verständnis über Traumaerfahrungen zu erlangen. Neben der Befragung von Klinikern führt die Vereinigung auch Feldstudien mit lokalen Partnern in der Gesellschaft durch, sowie Technologieentwicklung und feinschichtige psychophysiologische
Untersuchungen in unserem Labor. Es gibt mehrere Gründe für die Initiierung unseres Fragebogenprojekts für Kliniker.
Unsere Studie ermöglicht es uns, mehr über die Klienten zu
erfahren, die von Traumatherapeuten behandelt werden. Wir erfahren etwas über die Gründe, für die Berufswahl von Therapeuten, über das Umfeld, in dem sie arbeiten, über ihre Trauma-Geschichte, über ihre persönlichen Erfahrungen mit autonomer Reaktivität und Stress sowie über andere Merkmale wie das Gefühl von Burnout und die körperliche und geistige Gesundheit. Wenn wir uns mit der Geschichte des Traumas befassen, können wir auch die
verschiedenen Arten untersuchen, in denen traumatische Ereignisse zu tiefgreifenden Störungen der psychischen und physischen Gesundheit führen. Wir können ein Verständnis dafür entwickeln, dass diese Auswirkungen des Traumas möglicherweise nicht ursächlich sind, sondern vielmehr durch die Reaktion des Gehirns und des Körpers auf Stressoren und Herausforderungen vermittelt werden. Durch die Untersuchung der Gefühle, die den autonomen Zustand widerspiegeln - wie z. B. Gefühle, die von Angst und Lebensbedrohung dominiert werden -, gewinnen wir ein ganzheitlicheres Bild, das die Behandlung und die
Klienten-Therapeut Beziehung beeinflusst.

Absicht und Hintergrund
Das Ziel der klinischen Studie ist es, die Personen kennenzulernen, die Traumaarbeit leisten. Wir möchten deren eigene persönliche Geschichte, die zu betreuenden Klienten und die angewandten Methoden erfassen. Die Studie beinhaltet Fragen zu den Verfahren und der Therapeutenausbildung, zur beruflichen Lebensqualität, zu persönlichen Traumaerfahrungen, zur Selbstfürsorge, zu körperlichen Stressreaktionen und zu physischer Gesundheit. Die 
Vereinigung hat die klinische Studie im November 2018 gestartet. Seitdem haben 213 Trauma-Forscher den Fragebogen ausgefüllt: eine Rücklaufquote von mehr als 50 %. Die hier geteilten Ergebnisse repräsentieren Daten, die bis zum 4. November 2019 gesammelt 
wurden. Alle Therapeuten sind eingeladen, die Umfrage auszufüllen, und wir sammeln weiterhin Antworten.