I. EINFÜHRUNG IN DIE PVT

Die Polyvagal­Theorie ist eine wissenschaftlich fundierte Theorie, die erklärt, wie unser vegetativer Zustand die dynamischen Herausforderungen des Lebens beeinflusst und von ihnen beeinflusst wird. Die Theorie als Perspektive wirkt sich auf verschiedene Aspekte der menschlichen Erfahrung sowie auf die Erfahrungen anderer Säugetiere aus, die Merkmale der neuronalen Regulierung des autonomen Nervensystems teilen. Es handelt sich um eine transdisziplinäre Theorie, die gemeinsame Themen in einem breiten Spektrum von Disziplinen aufgreift.

Die Polyvagal­Theorie wurde vom Verhaltensneurowissenschaftler Dr. Stephen W. Porges in seiner Präsidentenrede vor der Society of Psychophysiological Research in Atlanta, Georgia, am 8. Oktober 1994 vorgestellt. Der Vortrag wurde später in der Zeitschrift Psychophysiology 1995 unter dem Titel "Orienting in a defensive world" veröffentlicht: „Mammalian modifications of our evolutionary heritage. Eine polyvagale Theorie" (Porges, 1995). Der Titel bietet eine knappe Zusammenfassung der Theorie, in der der phylogenetische Übergang von asozialen Reptilien zu sozialen Säugetieren erörtert wird, wobei die konvergenten Verschiebungen in der neuronalen Regulierung des autonomen Nervensystems und die adaptiven Konsequenzen des Verhaltens betont werden. Im Gegensatz zu ihren reptilienartigen Vorfahren verfügten die Säugetiere über einen neueren Zweig des Vagus, der kardioinhibitorische Einflüsse auf das Herz ausübt und aus einem ventralen Bereich des Hirnstamms (d.h. dem Nucleus ambiguus) stammt. Im Gegensatz dazu hatten andere Klassen von Wirbeltieren (z. B. Reptilien, Amphibien usw.) kardioinhibitorische Bahnen des 
Vagus, die nur aus einem dorsalen Bereich des Hirnstamms (d. h. dem dorsalen motorischen Nucleus des Vagus) stammen. Die Theorie lenkte die Aufmerksamkeit ausdrücklich auf die adaptive Funktion der ventralen Vagusbahn. Diese definieren Merkmale von sozialen Säugetieren, einschließlich der gegenseitigen Regulierung von Bedrohungsreaktionen, des beruhigenden physiologischen Zustands und der Sozialität. 

In der veröffentlichten Form des Vortrags werden die Schlussfolgerungen mit einer umfangreichen Referenzliste von mehr als 100 wissenschaftlichen Veröffentlichungen aus verschiedenen Disziplinen belegt. Nachfolgende Veröffentlichungen erweiterten und verfeinerten die Theorie (Porges, 1998, 2001, 2003, 2007, 2021 und Porges & Lewis, 2010) und validierten die verwendete Methodik zur Überwachung des ventralen kardioinhibito-rischen Signalwegs des Vagus (Lewis et al. 2012). Die Theorie hat sich in einer Vielzahl von Disziplinen durchgesetzt und wurde in Tausenden von peer-review­ed Artikeln zitiert (siehe Google Scholar). Die grundlegenden Forschungsarbeiten zur Entwicklung dieser Theorie wurden 38 Jahre lang (1975­ - 2013) vom National Institute of Health unterstützt. Seit ihrer Einführung wurde die Theorie in mehr als 10.000 von Fachleuten geprüften 
Artikeln zitiert.

Die Polyvagal­Theorie bezieht ihren Namen vom Vagus, einem Hirnnerv, der die Hauptkompo-nente eines Zweigs des autonomen Nervensystems bildet, der als Parasympathikus bekannt ist. Nach traditioneller Auffassung ist der Vagus der Nerv, der Gesundheit, Wachstum und Wiederherstellung oder einfach gesagt homöostatische Prozesse unterstützt. Nach traditioneller Auffassung ist der Parasympathikus in der Lage, die intensiven Stoffwechsel-anforderungen des Sympathikus, der das Kampf­ und Fluchtverhalten unterstützt, auszugleichen und zu neutralisieren. Diese Auffassung ist nur teilweise richtig, da der Parasympathikus auch eine Rolle bei defensiven Überlebensstrategien spielt.

Die Theorie beinhaltet einen Erklärungsansatz und eine Lösung für das in der Neonatologie 
beobachtete vagale Paradoxon. Dieses Paradoxon, dass der vagale Einfluss sowohl schützend als auch letal wirken kann, wurde mittels gut dokumentierter Beobachtungen einander gegenübergestellt. Insbesondere ist die klinische Bradykardie (massive Verlangsamung der Herzfrequenz), ein vermutlich vagales Phänomen, bei Hochrisiko­Frühgeborenen und während komplizierter Entbindungen potenziell tödlich. Während die respiratorische Sinusarrhythmie, ebenfalls ein vermutetes vagales Phänomen, bei gesunden Neugeborenen nachweislich häufiger festgestellt wird (Porges, 1992) als bei Hochrisiko­Frühgeborenen. Die Theorie löste das Paradoxon, indem sie anregte, die Bradykardie und die respiratorische Sinusarrhythmie funktionell nach ihren Ursprüngen aus zwei verschiedenen Hirnstammarealen zu betrachten. Aus beiden Ursprüngen gehen kardioinhibitorische Bahnen des Vagus hervor, die aber unterschiedliche Signaturen im Herzfrequenzmuster aufweisen. Die initiale Arbeit (Porges, 1995) dokumentierte, dass moderne Säugetiere einen "gemeinsamen kardio­respiratorischen Oszillator" (Richter & Spyer, 1990) haben, an dem nur der ventrale vagale Pfad beteiligt ist, während der dorsale kardioinhibitorische Pfad des 
Vagus die Bradykardie unterstützt. Ähnlich wie bei den Vorfahren der Reptilien war die massive Bradykardie Bestandteil einer Bedrohungsreaktion, die bei kleinen Säugetieren häufig als Vortäuschung des Todes beobachtet wird. Spätere Forschungen (Reed et al., 1999) entdecken eine Anfälligkeit für klinische Bradykardie beim Menschen während des Geburtsvorgangs, mittels Überwachung der Funktionen der ventralen Bahn des Vagus und der Messung respiratorischer Sinusarrhythmie.

Funktionell gesehen bietet die Polyvagal­Theorie eine Grundlage für eine integrierte und 
umfassende Gehirn­Körper­Wissenschaft, die die bidirektionale Kommunikation zwischen 
viszeralen Organen und Gehirnstrukturen über die Signalwege des Vagus hervorhebt. Die Theorie stützt sich auf die paradigmenbrechenden Forschungen mehrerer visionärer Wissenschaftler, die Konzepte einführten, die in der Polyvagal­Theorie neu formuliert wurden, darunter das innere Milieu (Claude Bernard), die Homöostase (Walter Cannon), die Evolutionstheorie (Charles Darwin), die Auflösung (John Hughlings Jackson), die Erregung (Robert Yerkes und John Dodson), Kampf/Flucht (Walter Cannon) und ein einheitliches Nervensystem, das Gehirn­ und Körperfunktionen integriert (Walter Hess). Durch Extraktion und Kombination anerkannter Prinzipien, die von diesen Grundlagenforschern entdeckt wurden, bietet die Polyvagal­-Theorie ein neues Verständnis der neuronalen Regulierung des autonomen Nervensystems, das die bidirektionale Kommunikation zwischen Gehirn und viszeralen Organen betont.

Unter Berücksichtigung der historischen, wissenschaftlichen Literatur aktualisiert die Theorie das Konzept des autonomen Nervensystems in einem transdisziplinären Modell. Es extrahiert die Kernprinzipien, die in den unabhängig voneinander entstanden, unterschiedlichen Disziplinen dokumentiert wurden. Die Polyvagal­Theorie führt als Theorie an sich zu plausiblen Hypothesen, die in den verschiedenen Bereichen, wie Erziehung, kindlicher Entwicklung, geistige und körperliche Gesundheit, berufliches Arbeitsumfeld und gesellschaftlicher Institutionen breite Anwendung finden und ebenso Einblicke in die Wohlbefinden anderer sozialer Säugetiere bieten.