IV. Antwort auf Kritik an der Polyvagal­Theorie

Die Kritik an der Polyvagal­Theorie lässt außer Acht, dass die Theorie den Schwerpunkt auf die einzigartigen strukturellen und funktionellen Veränderungen bei der Regulierung des autonomen Nervensystems legt, die während des Übergangs von asozialen Reptilien zu sozialen Säugetieren auftraten. Die neuroanatomische Kritik an der Polyvagal­Theorie stützt sich im Wesentlichen auf Punkte, die in der Theorie nicht enthalten sind. Von der ersten Erklärung der Theorie an lag der Schwerpunkt auf den einzigartigen Eigenschaften der neuronalen Regulierung des autonomen Nervensystems von Säugetieren. Dieser Schwerpunkt wird im Titel der ersten Publikation hervorgehoben ­ Orientierung in einer defensiven Welt: Modifikation der Säugetiere durch unser evolutionäres Erbe. Eine polyvagale Theorie. Funktionell gesehen lieferte die Theorie ein Verständnis für die einzigartige Fähigkeit von Säugetieren, soziales Verhalten über den ventralen Vagus und das soziale Interaktions-system zu nutzen, um die autonomen Schaltkreise zu beruhigen, die die Verteidigung unterstützen (z. B. die Rolle des sympathischen Nervensystems beim defensiven Kampf­Flucht­-Verhalten und die Rolle des dorsalen Vagus bei der defensiven Immobilisierung). Die folgende Tabelle enthält eine kurze Zusammenfassung der Gegensätze zwischen den Aussagen der Theorie und den Annahmen der Kritiker. 

Was die Polyvagal­Theorie aussagt 
(Porges, 1995, 1998, 2007b)


Vagale kardioinhibitorische Fasern, die ihren Ursprung im dorsalen Vaguskern haben, treten in der phylogenetischen Geschichte der Wirbeltiere früher auf als kardioinhibitorische Fasern des Vagus, die aus dem Nucleus Ambiguus stammen (siehe unten).

Die respiratorische Sinusarrhythmie, die als einzigartige Säugetier­Interaktion zwischen Atmung und Herzfrequenz definiert ist, ist ein Indikator für den Output ventraler 
kardioinhibitorischer Fasern des Vagus, die ausschließlich 
aus dem ventralen vagalen Nucleus (d. h. dem Nucleus Ambiguus) stammen.


Säugetiere haben eine einzigartige myelinisierte 
Nervenbahn des Vagus, die nur im ventralen Vaguskern 
(d. h. Nucleus Ambiguus) entspringt.




Konzentriert sich ausschließlich auf die einzigartigen
Merkmale des autonomen Nervensystems von Säugetieren, 
die sie von Reptilien unterscheiden.

Inkorrekte Aussagen Anderer 
(z.B. Grossman & Taylor, 2007; Monteiro et al., 
2018; Campbell et al., 2005)

Es gibt keine Hinweise darauf, dass der dorsale Vaguskern eine evolutionär ältere parasympathische Quelle im Hirnstamm ist 
als der Nucleus ambiguus.



Die respiratorische Sinusarrhythmie definiert die Wechselwirkungen zwischen Atmung und Herzfrequenz, 
die bei allen Wirbeltieren beobachtet werden und an 
denen vagale Einflüsse beteiligt sind, einschließlich kardioinhibitorischer Fasern des Vagus, die ihren Ursprung im dorsalen Vaguskern haben.


Myelinisierte Nervenbahnen des Vagus gibt es nur bei Säugetieren, und Beobachtungen von myelinisierten Fasern 
des Vagus aus dem dorsalen Vaguskern bei anderen Wirbeltieren als Säugetieren widerlegen die Polyvagal­-Theorie.


Schwerpunkt auf gemeinsamen Merkmalen des autonomen Nervensystems bei verschiedenen Wirbeltierarten.

Die obige Gegenüberstellung fasst die Kritik an der Polyvagal­Theorie zusammen, die sich auf ungenaue Annahmen bezieht. Es ist zu beachten, dass die Kritik ein Missverständnis über den Geltungsbereich der Theorie widerzuspiegeln scheint. Die Kritik stützt sich in erster Linie auf die Veröffentlichungen eines einzigen anerkannten Wissenschaftlers. Dieser Wissenschaftler und seine Kollegen sind davon ausgegangen, dass die Polyvagal­-Theorie durch Beobachtungen von Wechselwirkungen zwischen Atem­ und Herzfrequenz und myelinisierten Fasern des Vagus bei Wirbeltieren, die sich vor den Säugetieren entwickelt haben, widerlegt werden kann. Man beachte, dass die Polyvagal­Theorie, die sich auf den Übergang von asozialen Reptilien zu sozialen Säugetieren konzentriert, nichts mit dieser Kritik zu tun hat. In Übereinstimmung mit diesem Missverständnis wurde kritisiert, dass es keine Beweise dafür gibt, dass der dorsale Vaguskern eine evolutionär ältere parasympathische Quelle im Hirnstamm ist als der Nucleus ambiguus. Diese fehlerhafte Ansicht beruht auf der Annahme, dass das Auftreten präganglionärer Neuronen des Vagus ventrolateral des dorsalen Vaguskerns gleichbedeutend mit der Bestätigung der Existenz des Nucleus ambiguus ist. Neuroanatomische und neurophysiologische Untersuchungen belegen einen phylogenetischen Trend zur Differenzierung des Hirnstammbereichs, 
in einen dorsalen Vaguskern und einen diskreten Nucleus ambiguus, aus dem die präganglionären Neuronen des Vagus stammen. Es steht außer Frage, dass sowohl kardiale als auch nicht­kardiale Neuronen des Vagus bei primitiveren Wirbeltieren außerhalb des dorsalen Vaguskerns zu finden sind. Die Phylogenie des Vagus veranschaulicht auf neuroanatomischer Ebene die Differenzierung der viszeralen efferenten Säule des Vagus in einen dorsalen motorischen Kern und einen ventrolateralen motorischen Kern (d. h. den Nucleus ambiguus), der erstmals bei einigen Reptilien zu finden ist. Daher könnte man annehmen, dass die neuroanatomische Identifizierung eines diskreten Nucleus ambiguus auf alle Säugetiere und ausgewählte Reptilien beschränkt ist. Dies schließt den evolutionären Trend nicht aus, dass präganglionäre Neuronen des Vagus ventrolateral des dorsalen Vaguskerns zu finden sind. Die Funktion des Nucleus ambiguus als Quelle der vagalen 
kardioinhibitorischen Bahnen ist jedoch einzigartig für Säugetiere. Obwohl neue Erkenntnisse in der Literatur über die Phylogenie des autonomen Nervensystems für vergleichende Neuroanatomen interessant und relevant sind, sind diese Erkenntnisse für die Polyvagal­-Theorie nicht relevant. Beispielsweise wirft die Identifizierung von myelinisierten 
Vagusfasern, die vom dorsalen Vaguskern in anderen Wirbeltieren ausgehen, eine Reihe von Fragen im Zusammenhang mit der adaptiven Funktion auf und es stellt sich die Frage auf, ob es myelinisierte Vagusfasern gibt, die vom dorsalen Vaguskern in Säugetieren ausgehen und noch nicht identifiziert wurden. 

Die Polyvagal­-Theorie nutzt die Evolution und die Entwicklung des Reifungsprozesses, um die Hierarchie der autonomen Schaltkreise abzubilden. Sie schlägt einen anschaulichen Plan der 
Reaktionsfolge vor, die Säugetiere durchlaufen, wenn sie bedroht werden, einschließlich 
Krankheiten und Verletzungen. Dieser Reaktionsablauf, der einer umgekehrten Evolution oder Auflösung folgt, wie sie John Hughlyns Jackson (1884) zusammenfassend beschrieben hat, spiegelt häufig Berichte von Trauma­ Überlebenden wider. Im Grunde genommen sind die Kritikpunkte keine Kritik an der Polyvagal­Theorie selbst. Bei der Kritik geht es nicht um die Überprüfung der dokumentierten Konstrukte, die in die Theorie eingebettet sind: Auflösung, Vagusbremse, Neurozeption oder soziales Bindungssystem. Die Kritik steht auch nicht im Zusammenhang mit der Erweiterung des Verständnisses der Mechanismen, die an der Rekrutierung oder Überwachung des dorsalen Vaguskreislaufs bei Säugetieren beteiligt sind. Vielmehr sind die Kritikpunkte im besten Fall tangential zur Theorie und im schlimmsten Fall ungenaue Darstellungen, die zu Missverständnissen der Theorie führen. 

Eine andere Gruppe von Kritikpunkten geht auf die Arbeit derselben Wissenschaftler zurück und konzentriert sich auf die Rolle, die die respiratorische Sinusarrhythmie innerhalb der Polyvagal­-Theorie spielt. In der nachstehenden Tabelle sind die wichtigsten Punkte zusammengefasst. Insbesondere argumentieren sie, dass es eine Verbindung zwischen der respiratorischen Sinusarrhythmie und dem kardialen Vagustonus gibt. Die Forschung hat dokumentiert (siehe Lewis et al., 2012), dass die Grossman­Methode bei der Schätzung des ventralen Vagustonus fehlerhaft ist und direkt die Ursache für ihre fehlerhafte Schluss-folgerung hinsichtlich der Ungenauigkeit der Quantifizierung der respiratorischen Sinusarrhythmie als gültiger Index des ventralen Vagustonus ist. Die Forschung hat die Präzision und Genauigkeit der Porges­-Bohrer ­Methode dokumentiert (siehe Lewis et al., 2012) und kontrastiert sie mit den unzureichenden Methoden von Grossman. Die Schwächen der Grossman­-Methode sind seit etwa 25 Jahren bekannt und dokumentiert (Byrne & Porges, 1996; Lewis et al., 2012).

Was die Polyvagal­Theorie aussagt



Polyvagale Hypothesen können nur dann mit respiratorischer Sinusarrhythmie getestet werden, wenn die Metrik einen genauen Index des kardialen Vagustonus mit Ursprung im 
Nucleus ambiguus liefert.

Der Zusammenhang zwischen respiratorischer Sinusarrhythmie und kardialem Vagustonus ist abhängig von der zur Quantifizierung der respiratorischen Sinusarrhythmie verwendeten Metrik.




Die respiratorische Sinusarrhythmie ist ein einzigartiges Säugetiermerkmal und spiegelt ausschließlich den kardioinhibitorischen Einfluss der vagalen Fasern wider 
(die ihren Ursprung im Nucleus Ambiguus haben.)

Die Polyvagal­-Theorie geht nicht davon aus, dass die respiratorische Sinusarrhythmie ein genauer Index für den vagalen Tonus des Herzens ist.

Die respiratorische Sinusarrhythmie spiegelt den kardialen Vagustonus über myelinisierte kardioinhibitorische Fasern 
des Vagus, die ihren Ursprung im Nucleus ambiguus haben, 
genau wider.

Inkorrekte Aussagen Anderer 
(z.B. Grossman & Taylor, 2007)

Polyvagal­bezogene Hypothesen können mit jeder Messung der respiratorischen Sinusarrhythmie getestet werden.



Die Polyvagal­Theorie kann widerlegt werden, indem eine Trennung zwischen der respiratorischen Sinusarrhythmie und 
dem vagalen Tonus des Herzens nachgewiesen wird, unabhängig von der spezifischen Methodik, die zur 
Quantifizierung der respiratorischen Sinusarrhythmie verwendet wird.

Die Polyvagal­-Theorie kann durch die Beobachtung der respiratorischen Sinusarrhythmie bei anderen Wirbeltieren widerlegt werden, die durch kardioinhibitorische Fasern mit Ursprung im dorsalen Vaguskern bestimmt wird.

Die Polyvagal­Theorie geht davon aus, dass die respiratorische Sinusarrhythmie nur bei Säugetieren vorkommt.


Trennung zwischen respiratorischer Sinusarrhythmie und kardialem Vagustonus.